Meerrettich, die Wunderwurzel, Teil 1

Pflanzenportrait von Amoracia rusticana

Heute ist hier wundervolles Winterwetter, kalt und grau. Dazu bläst ein eisiger Ostwind, und dann ist ja auch bald schon Weihnachten. Statt Ruhe und Besinnlichkeit und innerer Einkehr ist diese Zeit vor Weihnachten oft gefüllt mit „Wir müssen uns vor Ende des Jahres unbedingt noch mal sehen“ und „Wir machen dieses Jahr auch eine Weihnachtsfeier, Du kommst doch?“, neben den ganzen Erledigungen, die die Vorbereitungen für ein Fest mit sich bringen. Und meist steht in der Arbeit auch noch der Jahresabschluss an. Man könnte sagen, diese Zeit ist etwas sehr hektisch und stressig, und wie immer in solchen Zeiten ist unser Immunsystem dann etwas gefordert. Erkältungen können da schon mal vorkommen, spätestens dann, wenn es ruhig wird. Was also können wir tun, um unser Immunsystem so zu unterstützen, dass uns Erkältungen nicht mehr so anspringen? Das ist ein weites Thema, mit dem schon ganze Bücher gefüllt wurden. Ingwer, Kurkuma und Zitrusfrüchte sind recht gut bekannt, ebenso wie warmen Tee trinken und niemandem mehr die Hand geben (wegen der Verbreitung der Viren). Weniger bekannt – und das völlig zu Unrecht! – ist jedoch eine heimische Pflanze, die bereitwillig in unseren Gärten wächst.

Herkunft, Geschichte und Mythologie

Der Meerrettich, dessen botanischer Name Amoracia rusticana lautet und der in Österreich und Teilen Bayerns Kren genannt wird, gehört zur Familie der Kreuzblütler (Brassicaceae). Er ist schon seit der Antike bekannt und auf einem Wandgemälde in Pompeji abgebildet. Auch Cato erwähnte die Pflanze ausführlich in seinen Schriften zum Ackerbau.  Ursprünglich aus Moldawien kommend, wurde er von slawischen Völkern nach Mitteleuropa gebracht und dort verbreitet. Schon früh wurde er auch hier für Heilzwecke verwendet. So erwähnt ihn Hildegard von Bingen in der Physica (ca.1170 n. C.) und empfiehlt ihn getrocknet und pulverisiert zu gleichen Teilen mit Galgant gemischt bei Herzbeschwerden, welche sich dann mildern sollen und bei Lungenbeschwerden, die auch geheilt werden könnten. Leonart Fuchs beschreibt, dass er schon früh verwilderte und sich weiter ausbreitete (Leonhart Fuchs, 1543). Auch Adamus Lonicerus erwähnt den Meerrettich ausführlich in seinem Kräuterbuch von 1679 und gibt neben einer Zeichnung und einer Pflanzenbeschreibung auch einige Instruktionen zur Anwendung bei Beschwerden, die auch heute noch teilweise so umgesetzt werden könnten. So schreibt er, dass der Wurzelsaft „gut (ist) für Beschwer in der Kehlen gegurgelt. Die Wurzel gebrannt und gepulvert reiniget die faulen Wunden und esset das faule Fleisch, trocknet sonderlich die fliessenden Schäden“. Auch solle das Meerrettichkraut, mit einem Haarstrang in Wasser gekocht und dann auf kahle Stellen am Kopf aufgetragen das Haar wieder wachsen lassen. Zerstoßene Meerrettichsamen mit Honig sollten gegen „schweren“ Atem wirken. Er beschreibt noch eine ganze Reihe weiterer Anwendungsmöglichkeiten und Zubereitungen, unter anderem auch die Zubereitung und Anwendung von Hydrolat aus der Wurzel. Abschließend beurteilt Herr Lonicerus den Meerrettich sehr positiv: „Ist ein rechter Teutscher grüner Ingber für alle kalte Fäll und Gebrechen zu gebrauchen.“ Tatsächlich wurde der Meerrettich im Mittelalter bei einer ganzen Reihe von Erkrankungen eingesetzt.

Zudem wurden ihm auch schützende Kräfte nachgesagt. So sollte eine Kette aus getrockneten Meerrettichwurzelscheiben, von Kindern als Amulett um den Hals getragen, diese vor Krankheiten schützen. Hingegen soll eine Scheibe frischen Meerrettichs, im Geldbeutel deponiert, dafür sorgen, dass dieser niemals ohne Geld sei. In Ostrussland und der Ukraine kommt er noch in der Wildform vor. Hier in Mitteleuropa findet man ihn verwildert am Rand feuchter Wiesen, Bachläufe und Flussufer vor, meist in Gemeinschaft von Giersch (Aegopodium podagraria), gutem Heinrich (Chenopodium bonus-henricus) und Brennnesseln (Urticaria dioica). Sowohl in Deutschland als auch in Österreich gibt es Anbaugebiete, in denen der Meerrettich kommerziell angebaut wird, ebenso in Frankreich und Nordamerika.

Standort und Aussehen

Meerrettich liebt lockere, sandige und tiefgründige Böden, in denen er lange und gerade Wurzeln bilden kann. Frisch gedüngte oder salzige Böden mag er nicht so besonders, dafür liebt er einen hohen Stickstoffgehalt.

Er besitzt eine senkrechte, pfahlförmige Hauptwurzel, welche im Normalfall 30 – 60 cm lang sein kann und bis zu 6 cm dick, von der einige Seitenwurzeln abgehen. Außen zeigt sich die Wurzel schmutzig gelb-braun, innen weiß und faserig. Zum Stängel hin wird sie vielköpfig. Aus der Wurzel entspringt eine haarlose Pflanze, welche zwischen 50 cm und 1,20 m hoch wird. Der Meerrettich bildet sowohl grundständige als auch am Stängel verteilte Blätter mit Blattstiel und Blattspreite aus. Der Blattstiel kann bei den grundständigen Blättern sehr lang werden, bei den Blättern am Stengel ist er eher kurz. Die Grundblätter haben eine oval-lanzettliche Form während die Blätter am oberen Stängel eher lineal-lanzettlich geformt sind. Die Blattspreite ist meist einfach, selten fiederteilig. Der Blattrand ist bei den Grundblättern stark gekerbt, etwas gewellt oder kraus, wird jedoch bei den Blättern am Stängel nach oben hin zunehmend glatter. Die Blattadern stehen stark hervor. 

An den runden Blütenstandschäften, die ebenfalls bis 1,20 m hoch werden können, sitzt ein traubiger Blütenstand mit bis zu 40 cm Durchmesser. Die Einzelblüten besitzen vier Kelchblätter, die 2 – 4 mm lang sind, und vier weiße Kronblätter, die ca. doppelt so lang wie die Kelchblätter sind. In der Blüte finden sich sechs Staubblätter und ein kleiner, kaum wahrnehmbarer Griffel. Die Blüten riechen intensiv nach Honig und werden gerne von Insekten besucht. Schoten bilden sich selten aus, und wenn, dann sind sie oft leer. Selten findet man vier bis sechs glatte, braune, ovale Samen in einer Schote. Die Vermehrung erfolgt hauptsächlich über Tochterpflanzen – oder Wurzelstückchen, die in der Erde verblieben sind. Wer ihn in seinem Garten pflanzt, hat einen Freund fürs Leben! 

Medizinische Eigenschaften und Inhaltsstoffe

Der Meerrettich wird schon seit dem Mittelalter verwendet, und obwohl seine Heilwirkungen heute nicht mehr vielen bekannt sind, wird er doch als Beilage und Dip geschätzt. Seine wohltuenden Wirkungen sind teilweise sogar durch die Kommission E anerkannt. 

Meerrettich enthält einige Inhaltsstoffe, die auch im schwarzen Senf enthalten sind, somit ist die Wirkungsweise ähnlich. Vor allem die Wurzel enthält Glucosinolate, von denen Allyl-Senföle abgespalten werden, die antibiotisch wirken und sehr scharf sind. Diese werden über die Nieren ausgeschieden, was ihre Wirksamkeit bei Infekten der ableitenden Harnwege erklärt (siehe unten). Ein Teil dieser Allyl-Senföle wird auch über die Lunge abgeatmet, wodurch sich ihre Wirkung bei Atemwegsinfekten erklärt. Diese Senföle wirken auch auf die Niere harntreibend und auf die Atemwege schleimlösend. Zudem regen die Senföle die Magensaftsekretion an, regen damit den Appetit an und fördern die Verdauung. Die Wurzel enthält auch reichlich Vitamin C (114 mg/100 g), Kalium (628 mg/100 g) und Calzium (94 mg/100 g). Zudem sind noch etwas Eisen (1,2 mg/100 g) und  Folsäure (26 µg/100 g) enthalten sowie viel Schwefel (210000 µg/100 g)

Meerrettich innerlich eingenommen stärkt durch das enthaltene Vitamin C die Abwehrkräfte und hilft somit, Erkältungskrankheiten gar nicht erst entstehen zu lassen. Sollte es doch einmal zu einer Erkältung kommen, wirkt Meerrettich durch die schwefelhaltigen Senföle schweißtreibend und hustenlösend. Da er auch entzündungshemmend und immunisierend wirkt, kann er Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut rasch lindern, die häufig Eintrittspforten für Keime sind. Zudem ist das enthaltene Senföl (Allylsenföl) antibakteriell. Es wirkt hier vor allem bakteriostatisch, dass heißt, es tötet die Bakterien nicht ab, sondern hindert sie daran, sich weiter zu vermehren. Dies gibt dem Körper Gelegenheit zur Selbstheilung. In sehr hoher Dosierung wirkt es in der Zellkultur auch bakterizid (= es tötet Bakterien ab), diese Dosierungen sind für uns aber so nicht zu erreichen. Deswegen ist Meerrettich häufig in natürlichen Mitteln gegen grippale Infekte aus der Apotheke enthalten. Diese Wirkung wurde auch von der Kommission E bestätigt.

Meerrettich wirkt auch kreislaufanregend und kann Unwohlsein und Erschöpfungszustände lindern. Eingeatmet kann er Verspannungen im Nackenbereich lösen und somit auch Kopfschmerzen lindern, wenn diese durch Verspannungen entstehen. Aufgrund seiner entkrampfenden und verdauungsfördernden Wirkung ist er hilfreich bei Magen-Darm-Störungen und soll positiv auf die Gallensaftsekretion wirken.

Meerrettich ist auch wirksam bei Infektionen der ableitenden Harnwege (siehe oben). Dies wurde ebenfalls von der Kommission E bestätigt, so dass ein Kombinationspräparat aus Kapuzinerkresse und Meerrettich bei häufig wiederkehrenden Blasenentzündungen inzwischen Eingang in die Leitlinien zur Therapie der Blasenentzündung gefunden hat.

Meerrettichöl wirkt antiviral und auch auf humanpathogene Pilze, Hefen, Sproßpilze und Schimmelpilze fungistatisch. In einigen Untersuchungen wurde eine Inaktivierung bzw. Zerstörung des Streptokokkentoxins Streptolysin O festgestellt, was für eine entgiftende Wirkung bei Streptokokkeninfektionen sprechen würde. Äußerlich als Breiumschlag angewendet wirkt Meerrettich durchblutungsfördernd, schmerzlindernd und entzündungshemmend, was sich vor allem bei Rheuma und Gicht bewährt hat. Auch bei Ischiasbeschwerden oder anderen Nervenschmerzen kann er so angewendet die Beschwerden lindern. Zudem soll er bei Insektenstichen helfen. Die Kommission E sieht in der äußerlichen Anwendung eine Wirksamkeit bei leichten Muskelschmerzen. 

Gegenanzeigen

Bei Vorhandensein von Magen-Darm-Geschwüren sollte man auf die Einnahme von Meerrettich verzichten, ebenso bei bestehender Schilddrüsenfehlfunktion. Meerrettich kann in rohem Zustand ein Brennen in Mund und Nase hervorrufen (wenn Ihr genug davon esst, ist das genau so wie zu viel Wasabi! Tränen in den Augen, Brennen in der Nase bis praktisch direkt ins Gehirn… Ihr wißt, was ich meine…). Äußerlich angewendet kann es bei zu langer intensiver Einwirkdauer zu Rötungen bis hin zur Blasenbildung auf der Haut führen (die unter Umständen lange brauchen, um wieder abzuheilen und auch sehr schmerzhaft sind. Also vorsichtig dosieren!). In sehr großen Mengen eingenommen kann es zu Erbrechen und Durchfall kommen (aber wer würde das schon freiwillig tun. Siehe etwas weiter oben..). Von der Verwendung bei kleinen Kindern rate ich eher ab, da alles an ihnen noch empfindlicher ist. So kann die Haut wesentlich schneller durch das Senföl verätzt werden als bei Erwachsenen, auch die Schärfe wird aufgrund der empfindlicheren Geschmacksknospen deutlich stärker wahrgenommen. Für die Einnahme in der Schwangerschaft gibt es unterschiedliche Aussagen. So können die Senföle und einige ätherische Öle theoretisch wohl zu Gebärmutterkrämpfen führen, jedoch scheinen bei Einnahme geringer Mengen die positiven Wirkungen wie Immunstimulation zu überwiegen. Untersuchungen gibt es dazu wohl keine. Wie bei allem sollte man in der Schwangerschaft also Vorsicht walten lassen, das ganze mit seiner Hebamme und seinem Frauenarzt besprechen und sich ansonsten nicht übertrieben verrückt machen lassen.

Wirkungen in der Tiermedizin

In der Tierheilkunde hat die Meerrettichwurzel erstaunlich positive Eigenschaften. Hier wird sie meist getrocknet verabreicht, dann ist sie zwar etwas weniger wirksam, die Wahrscheinlichkeit ist aber höher, dass sie auch gefressen wird, weil sie nicht mehr so scharf ist. Getrocknete Meerrettichwurzel wird Pferden als Ergänzungsfutter zur Stärkung der Abwehrkräfte und der Atemwege gegeben. Da sie auch gegen Pilze wirkt, ist dieses Zusatzfutter auch hilfreich bei einigen Hautproblemen und Magen-Darm-Problemen. Bei einem sensiblen Magen sollte es nicht gegeben werden. Auch für Hunde wird gerne als Zusatzfutter getrocknete Meerrettichwurzel gegeben, hier liegt der Schwerpunkt auf der Stärkung der Abwehrkräfte sowie auch als Stärkung gegen Würmer und Pilzinfektionen. Ein kräftiger Magen ist auch hier Voraussetzung für die Behandlung.

Inzwischen gibt es Auszüge aus der Meerrettichwurzel oder auch getrocknete Meerrettichwurzelzubereitungen, welche vielen Tierarten (unter anderem Rindern, Schweinen, Alpakas, Tauben, Kaninchen, Schweinen, Schafen, Pferden, Gänsen, Enten, Hühnern…) bei Bedarf oder täglich unter das Futter gemischt werden können, um den Einsatz von Antibiotika und Hormonen in der kommerziellen Tierhaltung zu verringern (solange es noch so eine Art Tierhaltung gibt, ist das kein unwichtiger Punkt aufgrund der Zunahme von Antibiotikaresistenzen, die häufig auch mit der Massentierhaltung zu tun haben und der Zunahme von Hormonen und Medikamentenrückständen in unserem Trinkwasser). 

Ein sehr schöner Artikel erschien darüber am 1. 1. 2016 in der Süddeutschen Zeitung. Dort wird ein Schweinemastbetrieb beschrieben, der durch die Zufütterung von Meerrettich inzwischen ganz auf Hormone und fast ganz auf Antibiotika verzichtet und bei Erkrankungen der Tiere einfach die Antibiotikamenge erhöht. „Die Tiere würden insgesamt einen ausgeglicheneren und gesünderen Eindruck machen und seien weniger anfällig gegen Streß. Auch würden die Mutterschweine leichter trächtig werden und mehr Milch geben.“

Nachdem dieser Artikel hier wieder ziemlich lang geworden ist, werde ich die ganzen spannenden Sachen, nämlich wie ich Meerrettich zubereite und was ich außer essen sonst noch alles mit ihm anstellen kann, einfach im Laufe der Woche schreiben. Bleibt dran…

herzliche Grüße und eine entspannte Vorweihnachtszeit

Nicole

Quellenangaben

3 thoughts

  1. Interessant. Hatte auch mal Meerrettich im Garten, bei dessen sehr mühsamen Entfernung die Wurzeln gefühlt zwei Meter in den Boden gingen. Wusste damals jedoch nicht, dass er so gesund ist, wie hier beschrieben. Sonst hätte ich wirklich einen übrig gelassen :-))

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