Die Kaiserstadt

Vermutlich schon wieder Werbung. Für experimentelles Essen…Und uralte Sehenswürdigkeiten;-) und natürlich unbezahlt (aber hoffentlich nicht umsonst…)

Nachdem hier heute ein grauer und eher nasskalter und nebliger Novembertag ist, werde ich Euch noch mal nach Japan mitnehmen. In Kyoto ist es jetzt zwar jetzt auch nicht mehr Sommer, aber über zehn Grad hat es allemal. Und auch wenn ich den Wechsel der Jahreszeiten hier in Deutschland sehr genieße und mich auch immer sehr auf den Herbst und Winter freue, vor allem nach einem so langen und ausgedehnten Sommer, erinnere ich mich doch auch gerne an den Sommer. Ihr auch? Dann geht es jetzt los:

Ich habe Euch ja schon erzählt, dass wir während eines besonderen Festes in Kyoto waren. Am 16. August fand das Gozan no Okuribi oder auch besser bekannt als Daimonji – Feuer – Fest statt. Dieses Fest findet jedes Jahr um den 16. August statt – zumindest im westlichen Teil von Japan, also auch in Kyoto – und kennzeichnet das Ende der Obon – Zeit (Ein Teil von Japan, unter anderem Okinawa, feiert schon im Juli). Das Obon – Fest dauert im Normalfall drei Tage. Es ist ein buddisthisches Fest, welches ursprünglich aus dem Hinduismus kam und sich dann über China nach Japan ausbreitete. Dort vermischte es sich mit den örtlichen Bräuchen. Während der Obon – Zeit können die Verstorbenen auf die Erde zurückkehren. Am Anfang dieser drei Tage werden jede Menge Kerzen in den Straßen und Eingängen der Häuser aufgestellt, damit die Verstorbenen auch nach Hause zu ihren Familien finden. Dort bekommen sie dann Speisen und Getränke, traditionell wohl am ersten Tag Süßspeisen, am zweiten dann Nudeln und dann wieder etwas Süßes. Dabei gedenken die Japaner der eigenen Eltern/Großeltern sowie der sieben Generationen davor. Damit die Seelen am Ende der Festzeit auch wieder ins Jenseits zurück finden können, werden seit ca. 1230 n.C. Laternen oder, wie in Kyoto, riesige Schriftzeichen an den Berghängen entzündet, die den Weg weisen sollen. Dabei wird abends, wenn es dunkel ist, um Punkt 20 Uhr ein riesiges Feuer in Form eines Schriftzeichens am Berghang des Higashiyama entzündet, danach im Abstand von 10 bis 15 Minuten noch vier weitere an anderen Berghängen entgegen dem Uhrzeigersinn um Kyoto herum. Es ist ziemlich beeindruckend. Wir hatten das Glück, während der Zeremonie auf einen englischsprachigen Japaner zu treffen, welcher die Geduld hatte uns alles zu erklären und auch die meisten unserer Fragen beantwortete. Die Feuer brennen so zwischen 30 und 60 Minuten. Wir haben uns eine Stelle etwas weiter oben am Berg gesucht, von der man einen guten Blick hatte und die auch viele andere Menschen nutzten. Dies fiel aber kaum auf, da alle sehr leise waren und sich eigentlich nur im Flüsterton unterhielten. Nach dem Ende des Festes gingen dann alle schweigend, vermutlich nach Hause. Also wir zumindest. 

Sorry, es ist etwas verwackelt. Da ich kein Stativ besitze, könnt Ihr jetzt mal sehen, wie ruhig meine Hände auch bei langen Belichtungszeiten sind. Könnte ich eigentlich Herz-, ach was, Hirnchirurg mit werden…

Was dieses Fest für uns noch so besonders schön machte, (außer den nachts mit kleinen Kerzen erhellten Straßen, was einfach zauberhaft aussieht, warum ist das bei uns nicht öfter so?), war die Tatsache, dass die großen Feuer genau am Vorabend von Goldkinds Geburtstag brannten. Im Alter von acht Jahren ist jeder Geburtstag ja noch unglaublich aufregend und sowieso wunderschön, und so in den Geburtstag zu starten, war schon toll. (Ich bin mir nicht ganz sicher, wie wir das nächstes Jahr toppen sollen. Einen Elefanten mieten, Lamaausflug machen, ein Feuerwerk… Ach, ich glaube, wir machen einfach ein Lagerfeuer, wenn das Wetter es zuläßt)

Apropos Geburtstag, der läßt sich ja in so einer Stadt wie Kyoto auch ganz hervorragend verbringen. Wir haben uns für den Shogunpalast Nijo-jo entschieden, quasi die Ritterburg in Japan. Dieser wurde ca. 1603 n.C. als Sitz des ersten Tokugawa-Shoguns Ieyasu erbaut. Der Palast sollte seine ganze Macht zeigen und war deshalb besonders prunkvoll. Allerdings war seine Macht wohl nicht so ganz unangefochten, da er ein spezielles Nachtigallenparket einbauen lies. Dieses quietscht ziemlich laut, wenn man es betritt und sollte dadurch Attentäter verraten. Interessant ist auch, dass diese Burg von den Shogunen nur zwischendurch genutzt wurde, da ihr eigentlicher Wirkungsort Edo war. Heutzutage würde man von Verschwendung von Steuergeldern reden… Allerdings ist es auch ein Glücksfall, den tatsächlich ist diese Burg, trotz zweimaliger Brandschäden und einem Erdbeben, die Einzige, die aus dieser Zeit erhalten geblieben ist. Sie ist Teil des Unesco-Weltkulturerbes und auch teilweise als Nationalschatz eingestuft.

Es war wieder ein sehr heißer Tag, umso mehr waren wir erfreut, dass das ganze Gelände von einem Burggraben mit Riesenfischen und auch Wasserschildkröten umgeben war. Interessant in dem Zusammenhang: Wasserschildkröten fressen Brot und sind in der Lage, auch wesentlich größeren Fischen das Brot vor der Nase wegzuschnappen. Und auch die Fische durch Schnappen nach denselben ausreichend auf Abstand zu halten…

Schon der Eingangsbereich war beeindruckend, ein reichhaltig geschnitztes Tor mit dem Namen Kara-Mon, welches wir durchqueren durften, um zu dem eigentlichen Palast zu kommen. Fein für den warmen Tag waren auch mit Pflanzen bewachsene Laubengänge, in denen man mit feinem Wasserdampf eingenebelt wurde, wenn man durchging. Im Palast selbst ging man ohne Schuhe durch die Gänge. Verlaufen konnten wir uns nicht, weil die Wege deutlich beschriftet waren, und außer uns auch sehr viele Menschen den Palast anschauten. Jeder Raum war für einen speziellen Zweck, was sich auch an der Bemalung der Wände zeigte. Der Raum, in dem Gesandte empfangen wurden, war zum Beispiel mit wild aussehenden Tigern bemalt, um die darin Wartenden schon mal ängstlich und ehrfürchtig zu stimmen. Leider konnte ich von Innen keine Fotos machen. Müßt Ihr also selber hinfahren;-). Wir durften auch ein Stück auf dem Nachtigallenparket laufen, welches tatsächlich Geräusche von sich gibt, wenn man darauf läuft. Allerdings stelle ich persönlich mir Nachtigallengesang doch anders vor. 

Auch die Gartenanlage der Burg ist, wie eigentlich die meisten Gärten Japans, einen Besuch wert. Der Ninomaru – Palastgarten wurde von dem Landschaftsgärtner und Teemeister Kobori Enshu entworfen, welcher von 1579 bis 1647 n.C. lebte, und lädt zur Entspannung ein. Die gesamte Anlage ist sehr weitläufig, man könnte hier durchaus viel Zeit verbringen. Ob Picknicken gerne gesehen ist, kann ich jetzt so nicht sagen, da wir auch noch ein spezielles Abendessen geplant hatten und uns deshalb nicht völlig in den Gärten verlieren konnten. Da wir uns aufgrund der Hitze (trotz der Sprühnebelgänge!) ja immer noch an den Grundsatz „eine Sehenswürdigkeit pro Tag“ hielten und uns auch genügend Zeit zum Ausruhen und Eisessen ließen, machten wir uns nach der Burgbesichtigung bald wieder auf den Weg Richtung Heimat, also in dem Fall zurück ins Yoshimizu Inn. Von dort nahmen wir dann das eine Taxi, das wir in Kyoto benötigten, weil das Restaurant wohl etwas schwer zu finden ist. Da wir etwas zu früh dran waren, besuchten wir noch den Okazaki Jinja Schrein, einen kleinen Shintotempel, in dem es lauter Statuen von Kaninchen gibt. Eigentlich hätten wir uns denken können, dass er der Fruchtbarkeit und guten Geburt gesunder Kinder gewidmet ist. Er ist den mystischen Kami  Susano-no-mikoto und Kushinadahime-no-mikoto geweiht, die immerhin drei Töchter und fünf Söhne hatten. Kami bedeutet so etwas wie Naturgeist oder Gottheit, läßt sich aber nicht so ohne weiteres ins deutsche übersetzen. Vermutlich ist dieser Schrein einer der vier Schreine, die in allen vier Himmelsrichtungen erbaut wurden, als Kyoto Sitz des Kaisers wurde. Das war immerhin schon 794 n.C. Damals hieß der Schrein noch Higashi-Tenno und sollte den Kaiser sowie seinen Hofstaat und die Einwohner vor schlechten Einflüssen aus dem Osten schützen. Nachdem dann 1178 n.C. eine Kaiserin eine Geburt wohlbehalten überlebte (damals sicher keine Selbstverständlichkeit) bekam er seine heutige Bedeutung. Übrigens finden hier auch viele Hochzeiten statt. 

Das Restaurant, in das wir uns anschließend begaben, hieß Okariba und sah von außen eher – geschlossen aus. Wenn die netten Jungs vom Yoshimizu uns nicht in das Taxi gesetzt hätten, wären wir nicht auf die Idee gekommen, reinzugehen. Drinnen haben wir uns dann aber gleich Zuhause gefühlt. Es war wie in einer Berghütte. Klein, alles aus Holz und vom Kamin verraucht. Es gab ein paar Tische, die in der Mitte eine Absenkung hatten, damit man dort ein Feuer machen kann. Sozusagen ein mal echt ordentlicher Tischgrill. Nicht das komische moderne Zeug, das wir hier haben. (Notiz an mich: das will ich auch!) Leider erklärte uns der Besitzer, dass die Feuer in den Tischen nur im Winter angemacht werden. Natürlich hatte er aber einen großen Holzkohlegrill, der in Betrieb war und auf dem er einige Köstlichkeiten zubereitete. Auch sonst erinnerte das Innere eher an eine Hütte in den Alpen. Auf dem Weg zum Klo kommt man an einigen uralten Skiern vorbei. Ihr kennt die bestimmt noch, die haben absolut nichts mit den modernen Carvern zu tun. Die Speisekarte war sehr interessant. Wie beschrieb es der Lonely Planet so treffend? Man findet darauf vermutlich alles, was krabbelt, läuft oder schwimmt. Und fliegt, möchte ich noch anmerken. Aber nicht nur das. Was mich besonders gefreut hat, war, dass es auch eine Menge Wildpflanzen zu essen gab. Ihr könnt ja mal auf der Speisekarte gucken. Und lateinische Namen von Pflanzen können war an dieser Stelle doch von Vorteil. So konnte ich die japanische Version der Klettenwurzel bestellen. Das Einzige, das ich ohne Übersetzungsapp sofort erkannt habe. Vermutlich wäre ich sonst verhungert (Dank an Susanne an dieser Stelle). Es gab also Wildschwein für meine Mitreisenden und eine Wildpflanzenplatte für mich. Dummerweise waren bei den Wildpflanzen auch Wildheuschrecken. Aber gut, auf Überraschungen waren wir gefasst, und sogar das Goldkind probierte eine. Ich glaube, die Beine fand sie nicht so lecker… Den Großteil durfte allerdings ich essen (ich mag es einfach nicht, wenn ein Tier, und wenn es eine Heuschrecke ist, wegen so was umsonst gestorben ist. Dann lieber aufessen…), und danach war ich ziemlich gesättigt. Dieses Restaurant kann ich trotz (oder wegen?) der Heuschrecken sehr empfehlen. Die Adresse findet Ihr unten in den Quellenangaben. Eine Reservierung empfiehlt sich, es ist wohl immer gut besucht. Der Besitzer und Koch kommt aus Nagano, einer Region nördlich von Kyoto, aber noch auf derselben Insel. Er ist unglaublich freundlich und geduldig, und er kocht hervorragend. Sogar Heuschrecken. Das Goldkind durfte ihm beim Grillen helfen und bekam noch einen weißen Faden um das Handgelenk, welcher im buddhistischen Glauben Glück und ein langes Leben schenken soll. Den Faden hat sie heute noch ums Handgelenk, weiß ist er allerdings nicht mehr… 

Was ich zu Kyoto noch erwähnen muss (außer, dass ich noch längst nicht alles erzählt habe und wir unbedingt irgendwann noch mal hin müssen, weil, wir haben noch überhaupt nicht genug dort gelebt) ist die unglaubliche Sauberkeit in der Innenstadt. Es ist ja so, dass dort alles extrem gut und liebevoll verpackt ist. Mehrfach. Relativ häufig in Plastik. Ich war ja von dem sorgfältigst mehrfach verpackten Obst gleichzeitig fasziniert und abgestossen – was für eine Wertschätzung für einen Apfel! Was ich damit sagen will, es gibt dort extrem viel Verpackungsmaterial gratis dazu, wenn man egal was kauft. Was es dort nicht gibt, sind Mülleimer. Oder Recyclingtonnen in den Geschäften. Wir haben mehrfach in Geschäften nachgefragt, ob wir dort Müll oder Pfandflaschen (hahahah, Pfandflaschen, ja genau, die gibt es da auch nicht. Die Plastikflaschen sind einfach so ohne Pfand) – also Plastikflaschen abgeben dürfen. Durften wir nicht. Auch nicht, wenn wir dort etwas kauften. Wir ernteten nur entsetzte Blicke, dass wir überhaupt gefragt hatten. Ich weiß nicht, wie die das machen, aber in der Innenstadt liegt ÜBERHAUPT NICHTS rum! Ein Rätsel, die Japaner…

Das war das Hauptsächliche von Kyoto. Ich könnte da jetzt noch sehr viel mehr erzählen, aber ich glaube, es war genug zu lesen. Das nächste Mal nehme ich Euch mit nach Shikoku.

Herzensgrüße

Nicole

Quellenangaben:

2 thoughts

  1. Tja Japan würde mich nach dem sehr interessanten Bericht hier auch sehr interessieren. Ist schon ein eigenes und interessantes Volk. Heuschrecken sind zwar nicht mein Ding, aber muss man ja nicht. Den ersten Kontakt mit Japan hatte ich in meiner Kindheit mit einem fahrbaren, batteriebetriebenen Spielzeug-Polizeiauto, das über ein über ein Kabel gelenkt wurde. Das Auto war aus solidem, bemaltem Blech und MADE IN JAPAN 🙂
    Aber nachdem ich schon im fortgeschrittenen Alter bin, begrenzt sich leider die Anzahl der Urlaubsziele. Naja, man kann nicht alles haben.

    Gefällt 1 Person

    1. Guten Morgen,

      ich glaube, made in Japan gibt es jetzt nur noch selten bei uns, oder? Zumindest ist es mir nicht mehr oft aufgefallen. Und mit den Urlaubszielen, wer weiß, was noch kommt. Vielleicht bietet sich ja auch eine längere Reise mit mehreren Zwischenetappen an? Zum Beispiel von Deutschland nach Bangkok, dort ein, zwei Wochen erholen, und dann mit einem der vielen täglichen Flüge nach Japan? Dort gemütlich das Flair schnuppern für zwei Wochen. Und dann entweder zurück auf die selbe Art und Weise oder doch noch nach Australien? Ist ja praktisch jetzt gleich um die Ecke? Das wäre doch mal eine Überlegung wert. Und überall machst Du schöne Fotos:-)

      Einen wundervollen zweiten Advent

      Nicole

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