Stäbchen to go

 

Skyline Kobe

Wir haben ja dieses Jahr den großen Sprung gewagt. Einen, den mein Mann und ich schon seit 2001 vor hatten und immer wieder verschoben haben, weil: jetzt gerade noch nicht. Dieses Jahr war es endlich so weit. Wir sind nach Japan geflogen. Da sich unser Leben in den letzten Jahren aber doch etwas geändert hat – unter Anderem ist Umweltschutz ein deutlich größeres Thema geworden, seit das Goldkind bei uns ist – habe ich etwas überlegt, wie ich die Reise ein kleines bisschen umweltverträglicher gestalten könnte (daß das die Monstermenge an CO2 und Kerosin nicht aufwiegt, ist mir auch klar…).

Etwas, worum man bei einer Reise in die meisten Länder Asiens nicht herum kommt, sind Stäbchen als Essbesteck. Diese wurden in China schon seit 3000 Jahren benutzt (andere Quellen sprechen davon, dass die ersten Stäbchen 2100 vor Christus während der Xia Dynastie benutzt wurden. Damals seien es noch zwei Ästchen gewesen). Von dort breiteten sie sich im siebten Jahrhundert durch buddhistische Priester und Missionare nach Japan und Korea aus. Heutzutage werden Stäbchen in den meisten Ländern, die von China beeinflußt wurden, benutzt. Während es früher üblich war, seine eigenen Stäbchen immer bei sich zu haben (bei den niedrigeren Klassen meist aus Holz gefertig, während die höheren Klassen schön geschnitzte Stäbchen aus Elfenbein mit sich führten) und später in den Restaurants wiederverwendbare Stäbchen gereicht wurden, sind heute vor allem Einmalstäbchen verbreitet. Vor allem nach der großen SARS-Epidemie 2003 wuchs die Angst vor Infektionen und Ansteckung, so dass heute oft auch Einmalstäbchen verlangt werden, wenn mit wiederbenutzbaren Stäbchen gedeckt ist. China ist dabei der größte Produzent, Verbraucher und Exporteur, Japan der größte Abnehmer. Dabei werden 45 – 60 Milliarden Stäbchen pro Jahr produziert. Um diese gewaltige Menge liefern zu können, müssen pro Tag (also alle 24 h) mehr als 40 Hektar Bäume gefällt werden. Das entspricht etwa 100 Fußballfeldern. Pro Tag. Dabei sollen die Bäume um die 20 Jahre alt sein, damit sie gut verarbeitet werden können. Wenn man jetzt noch weiß, dass China ein sehr niedriges Pro-Kopf-Waldvorkommen hat (0,15 Hektar pro Kopf, das entspricht einem Viertel des weltweiten Mittels) und viele Menschen an Umweltverschmutzung sterben (2015 starben etwas 6,5 Millionen Menschen weltweit an den Folgen der Luftverschmutzung, der größte Anteil kommt aus aufstrebenden Ländern wie Indien und China), ist das eigentlich ein guter Ansatzpunkt.

Ein weiterer Punkt, der gegen Einmalstäbchen spricht, ist die fragliche Belastung mit Schadstoffen. Um das Holz so schön hell und ebenmäßig zu bekommen, sollen vor allem kleinere Firmen mehrere Chemikalien verwenden, unter anderem Schwefeldioxid, welches Atemwegsirritationen hervorrufen kann. Da die Stäbchen ja nicht gegessen werden sollen, greifen hier keine engen Grenzwerte. Allerdings ist Holz ein lebendiger Naturstoff, die Poren weiten sich, wenn die Stäbchen in warme Speisen getaucht werden, und geben eventuell vorhandene Chemikalien an den leckeren Ramen ab. Hier sind die Quellen nicht eindeutig, was die Belastung angeht, ich denke, appetitanregend ist dieser Gedanke trotz allem nicht.

Die chinesische Regierung hat schon 2006 eine Steuer auf Einmalstäbchen erhoben, um den Verbrauch etwas einzudämmen, so richtig wirkungsvoll war diese Maßnahme aber nicht. Weil die Protestaktionen gegen die Einmalstäbchen, unter anderem durch Greenpeace China, immer lauter wurden, erließ die Regierung 2010 eine Verordnung, die den Gebrauch von Einmalstäbchen in mehreren Schritten eindämmen sollte. Doch auch dies blieb aufgrund mangelnder Konsequenzen eher ohne Erfolg. Das die Regierung hier zwiegespalten ist, was eine eindeutige Richtung angeht, ist vielleicht auch nicht verwunderlich, da die Stäbchenproduktion ein bedeutender Wirtschaftsfaktor ist. 2010 waren 100 000 Menschen in 300 Fabriken damit beschäftigt, Stäbchen herzustellen. Die Stäbchen sind auch ein Exportschlager. Japan zum Beispiel importiert den größten Teil seiner Essstäbchen aus China. Zudem sind Einmalstäbchen relativ günstig, sie kosten pro Paar weit unter einem Cent. Das Entkeimen von wiederverwendbaren Stäbchen kostet hingegen zwischen 10 und 50 Cent. Das hier auch die Restaurants, allen voran Billigrestaurants, kein Interesse daran haben, wiederverwendbare Stäbchen zu benutzen, ist verständlich.

Was also tun? In Taiwan ist es anscheinend immer noch üblich, seine eigenen Stäbchen mitzubringen. Auch in Deutschland bringen Freunde der Low-Waste-Bewegung immer öfter eigenes Besteck mit. Und ob das jetzt Stäbchen oder Löffel, Messer und Gabel sind, ist eigentlich egal. Also haben wir uns entschieden, Eulen nach Athen zu tragen und uns Essbesteck von zu Hause mitzubringen.

Besteckserviette

Besteckserviette

Ihr braucht eine alte ausgemusterte Tischdecke (oder einen Baumwoll- oder Leinenstoff, den ihr übrig habt), eine Schere, Stecknadeln, ein Bügeleisen, eine Nähmaschine (es geht bestimmt auch von Hand, dauert dann aber länger) und ein schönes Stoffband (im Idealfall habt ihr das auch noch Zuhause. Ansonsten eignen sich auch die Bändchen, die innen in T-Shirts befestigt werden, damit sie nicht vom Bügel rutschen). Gut ist auch eine Stoffserviette zum Maß nehmen.

Als erstes legt ihr den Stoff möglichst faltenfrei auf dem Boden aus. Falls ihr einen neuen Stoff verwendet, schadet Vorwaschen und Bügeln sicher nicht, die meisten Stoffe gehen noch etwas ein. Dann platziert ihr eure Vorlagestoffserviette darauf. Achtet darauf, auf allen Seiten 1 – 1,5 cm Platz zu haben, um den Saum umschlagen zu können. Falls ihr wie ich eine alte Tischdecke benutzt, könnt ihr die Serviette an den Kanten direkt anlegen, da dort ja schon versäumt ist (im Idealfall liegt die Serviette im Eck und ihr seid schon mit zwei Seiten fertig mit nähen…). Jetzt schneidet ihr so zu, dass ihr an drei Seiten eine Nahtzugabe von 1 – 1,5 cm habt (bei der alten Tischdecke nur an 1 – 2 Seiten;-). An der vierten Seite gebt ihr über die Hälfte der Länge eine Nahtzugabe von 5 cm, über die andere Hälfte eine Nahtzugabe von 1 – 1,5 cm. Das ganze sieht dann so aus:

Besteckserviette maßnehmen

Bei mir ist die Tischdecke oben schon gesäumt, so dass die Serviette da am Rand anliegt.

Als nächstes steckt ihr den Saum um. Achtet darauf, alles auf eine Seite umzubiegen, vor allem, wenn ein Teil des Saumes schon fertig ist. Ich persönlich stecke erst und bügle dann, weil ich mir, wenn ich erst bügle und dann stecke, regelmäßig die Finger mit dem heißen Dampf vom Bügeleisen verbrenne. Falls jemand da einen Tipp haben sollte, bin ich dankbar. Die 5 cm – Ecke schneidet ihr im 45 – Grad – Winkel ein. Das ganze sieht dann so aus:

Abstecken Besteckserviette

Ich bügle einmal drüber, weil es sich für mich so leichter nähen lässt. Etwas professioneller sieht es aus, wenn ihr jetzt auch gleich Euer Bändchen feststeckt und mit einnäht. Dazu solltet ihr die Enden des Stoffbändchens mit einem Zickzackstich versäubern, weil gerade Stoffbänder gerne ausfransen, und das sieht hinterher nicht so schön aus.

Besteckserviette Stoffbänder umnähen

Den richtigen Platz für das Bändchen findet ihr, indem ihr Eure Stäbchen (oder auch Messer, Gabel und Löffel) neben die 5 – cm – Ausbeulung unten anliegend auf die Stoffserviette legt, dann den oberen Rand umschlagt und an der gegenüberliegenden Seite der 5 – cm – Ausbeulung die Hälfte abmesst. Dort steckt ihr das Bändchen an einer Seite im Saum fest. Der ungefähre Ort ist im unteren Bild mit einem Kreuz markiert. Ihr könnt das Bändchen aber auch zum Schluß festnähen. (Wie ich zum Beispiel…)

Genäht habe ich mit geradem Stich 2 – 3 mm vom Rand entfernt, aber das kommt auch ein bisschen auf eure Saumbreite an. Einmal außen rum, und ihr seid schon fast fertig.

Besteckserviette umsäumt und markiert

Jetzt schlagt ihr die 5 – cm – Ausbeulung ein und näht sie fest. Hier ebenfalls darauf achten, dass ihr auf die richtige Seite, sprich auf die Seite, auf der auch der Saum zu sehen ist, umschlagt:

Besteckserviette umsäumt 2

Wer das Bändchen schon mit angenäht hat, ist jetzt fertig, alle anderen müssen das noch kurz machen. Stäbchen reinstecken, oberen Teil umschlagen, die Hälfte abmessen und mit dem Zickzackstich annähen.

Besteckserviette maßnehmen Stäbchen

Zusammenrollen, Bändchenende unterschlagen, in den Rucksack packen, fertig.

Besteckserviette

Jedes Familienmitglied hat bei uns seine eigene Bändchenfarbe, so dass wir wissen, welche Besteckserviette wem gehört. Der Vorteil ist auch, dass wir so eine Menge Papierservietten einsparen, weil wir unsere eigene ja immer dabei haben.

Und bis jetzt haben wir auch noch keine schrägen Blicke geerntet. Aber wahrscheinlich sind die Japaner dafür einfach zu höflich.

Herzensgrüße aus Kobe

Nicole

 

Quellenangaben:

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.